Während Doris Dörrie einen neuen Film gemacht hat, habe ich einen Demeter-Rettich mit Yagenbori Konasansho (Japanisches Bergpfefferpulver) verzehrt. Nachhaltigkeit hat eben viele Facetten. Die sich in besonderer Weise beim Kochen zeigen. Das lehrt der kalifornische Zen-Priester Edward Espe Brown, den die Filmemacherin Doris Dörrie ("Männer") in ihrer Dokumentation fokussiert.
Browns kulinarischer Weg zur spirituellen Glückseligkeit - Erleuchtung geht durch den Magen! - wird anschaulich und nachvollziehbar, ja nachlebbar vorgezeichnet, und auch Betrachter ohne religiöse Neigung werden der Darstellung etwas abgewinnen können.
Der Film liefert ohne erhobenen Zeigefinger emotional begründete Argumente für die bewusste Begegnung mit scheinbar bewusstlosen Sofa-Kartoffeln und sonstigem Gemüse.
Genießen Sie diesen Film zu einem selbst gemachten Keks, und Sie fühlen sich wie neugebacken.
Der Dokumentarfilm des Österreichers Erwin Wagenhofer greift das Motto "We Feed the World" des Saatgutherstellers Pioneer auf, um eine kritische Auseinandersetzung mit der industriellen Nahrungsmittelproduktion anzuregen. Dabei verzichtet der Film auf einen kommentierenden Sprecher und läßt allein die handelnden Personen zu Wort kommen - vom französischen Fischer über den rumänischen Auberginen-Bauer bis hin zu Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe und Jean Ziegler, dem Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung.
[Seit ich diese Zeilen geschrieben habe, sind Wochen vergangen. Die Erinnerung an die Details des Films verblasst bereits. Es ist soundso besser, sich das selber einmal anzuschauen. Tu es, ja tu es!]
Gerne würde ich mehr Filme rezensieren, die sich um das Thema Genuss ranken. Bei einem Film wie Mondovino vergeht mir aber die Lust. Über zwei Stunden höchste Konzentration verlangt es einem ab, um der Weinbauernfachsimpelei auf italienisch, französisch und englisch zu folgen. Nicht dass mir die Sprachen nicht geläufig seien, aber man möchte zu so einem Film auch ein Glas Wein genießen und da man sich das erst nach getanem Tagwerk gönnt, läßt die Konzentration doch rasch nach. Und auf der DVD habe ich keine Untertitel gefunden, Synchronsprecher weit gefehlt.
Also das fing jedenfalls schonmal recht unbefriedigend an. Trotzdem hab´ ich´s durchgezogen und, naja, es musste nicht wirklich sein. Dass die Weinindustrie anderen Industrien in nichts nachsteht war mir schon bekannt. Wenn der Durchschnittspreis einer in Deutschland verkauften Weinflasche 2 Euro beträgt ist doch klar, dass nicht jeder Wein mit Herzblut und Hingabe hergestellt sein kann.
Da gebe ich mich nächstens doch lieber wieder der Fiktion hin und schaue einen Film wie Delikatessen, Der Bauch des Architekten oder Sideways. Dazu gibt es denn vielleicht auch wieder etwas mehr zu schreiben.
Ich beginne meine Reihe von Filmrezensionen mit „Das große Fressen“. Der Film ist sicherlich einer der bemerkenswertesten Spielfilme, die sich mit dem Thema Genuss beschäftigen, zumal er dies auf eine äußerst ungenüßliche Weise tut. „Das große Fressen“ ist bis ins kleinste Detail konstruiert, ein höchst intellektueller Film, eine Chiffre, zu deren Entschlüsselung hier allenfalls Anregungen gegeben werden können.
Vier Freunde verabreden sich in einer alten Villa zu einem „kulinarischen Seminar“: Koch Ugo, Fernsehproduzent Michel, Pilot Marcello und Richter Philippe. Jeder der vier bereitet sich auf seine Weise auf das Treffen vor. Ugo schleift die Messer aus seinem deutschen Messerkoffer, für den sein Vater einst zwei Kühe gegeben hat. Als junger Mann hat er mit dem Messerkoffer sein Elternhaus verlassen auf der Suche nach dem Glück. Jetzt verläßt Ugo seine Frau, um mit seinen Freunden gemeinsam den Tod zu suchen.
„Bereit zum letzten Sprint?“ – so lautet das Startsignal zu einer unvergleichlichen Völlerei mit Austern, Nieren à la Bordelaise und Torte Andrea. Dazu werden erotische Fotos aus der Steinzeit der Fotografie an die Wand geworfen. Bevor das Schicksal seinen Lauf nimmt ruft Ugo noch einmal zur Ordnung: sie wollten schließlich keine Orgie veranstalten, also werden sie wohl nach dem Dinner auch alles aufräumen können.
„Alles frisst auf mein Kommando!“ heißt es da schon wieder und weil Marcello „das Bumsen“ fehlt, werden Prostituierte herbeigerufen. Zwischenzeitlich ist auch die Lehrerin Andrea zu dem fidelen Quartett gestoßen und hat rasch Freude am Exzess gefunden.
Das große Fressen nimmt seinen Lauf, und einer nach dem anderen Teilnehmer findet sein Ende wie geplant. Michel etwa haucht sein Leben aus in der Dissonanz, klavierspielend, während seine Gefährten die aus einem Hinternabdruck gefertigte „Torte Andrea“ verspeisen. Marcello erstarrt zur frostigen Figur und wird so endgültig zum Pygmalion, hat er doch zuvor die Statue im Garten der Villa zunehmend den lebendigen Frauen vorgezogen.
Der Film endet im Garten mit der Lehrerin Andrea, umgeben von Hunden und einer Lieferung Fleisch, die die „kalten Freunde“ vor ihrem Ableben noch geordert hatten.
Einem Spielfilm wie „Das große Fressen“, der durch und durch als Chiffre der Demontage einer dekadenten Gesellschaft verstanden werden kann, ist mit wenigen Worten nicht beizukommen. Mögen meine knappen Andeutungen dennoch Anregung und Anstoß genug sein, um einige von ihnen weiter zu spinnen.
„Das große Fressen“ ist ein in Tableaus arrangierter Film, die wie Gemälde aneinandergereiht verschiedene Blickpunkte auf vermeintlich sinnlose Ausschweifungen eröffnen. „Das Leben besteht aus Begleiterscheinungen“ sagt Michel und beschreibt damit gleichsam das Konzept des Films. Die Protagonisten suchen nach Auswegen aus ihrem zur Nebensächlichkeit verkommenen Leben, versuchen ihre abhanden gekommene Subjektivität zurückzuerlangen. Dazu werden Grenzen überschritten, Grenzen des Gewöhnlichen, denn nur im Exzess glauben die handelnden Personen sich neu definieren zu können. Stigmatisiert durch die körperlichen Veränderungen, die der übermäßige Genuss hervorruft, gipfelt die Zusammenkunft in der Überschreitung der letzten, der praxologischen Grenze: dem Tod.
Furzen, Rülpsen, Abspritzen, exzessives Lachen – körperliche Grenzüberschreitungen, die unweigerlich literarische und künstlerische Vorbilder wie Grimmelshausen Simplicissimus oder die Werke Hieronymus Boschs ins Gedächtnis rufen. Allen gemeinsam ist die Beschreibung einer verkehrten Welt, einer grotesken Welt, einer Welt des Karnevals. Karnevalistische Elemente durchziehen „Das große Fressen“ wie ein roter Faden und begründen – bei aller Destruktivität – die optimistische Vision des Films. Es ist eben eine verkehrte Welt, die hier gezeigt wird, eine Welt, die nicht real ist, und die unweigerlich ihrem Ende entgegensteuert. Und Ende bedeutet hier Erneuerung. Was dieses Neue ist, dies zu vermuten, bleibt dem Zuschauer anheim gestellt, dazu möchte der Film anregen.
Die Bezug zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen wahrhaftiger und verkehrter Welt manifestiert sich übrigens insbesondere in den Namen der Protagonisten: alle Darsteller leihen den Figuren im Film ihren wirklichen Vornamen: der Koch Ugo (Tognazzi), der Fernsehproduzent Michel (Piccoli), der Pilot Marcello (Mastroianni), der Richter Philippe (Noiret) und die Lehrerin Andrea (Ferreol).
Ein Meisterwerk ist Regisseur Marco Ferreri mit "La grande Bouffe" (Originaltitel) da gelungen, das anzusehen sich immer wieder lohnt.
Ein guter alter Freund, den ich nach vielen Jahren kürzlich wieder getroffen habe, hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass es viele Spielfilme gibt, die sich mit dem Thema Genuss beschäftigen. Das war mir nicht so bewusst, wenngleich ich viele solcher Filme gesehen habe: Das große Fressen, Delikatessen, Sideways, Tampopo, Diner, Der Koch der Dieb... und viele mehr.
Ein willkommener Anlass meine cineastische Liebhaberei mit dem Thema des Blogs zu verbinden. Dankbar bin ich für alle Hinweise auf Filme, die sich mit Genuss befassen. Ich werde sie mir anschauen und hier vorstellen.

Michael Vetter ist Gründer des Gourmantis Feinkost-Versand. Im Gourmet Blog schreibt er über persönliche Genusserlebnisse, neue Delikatessen für den Gourmantis Online-Shop und Philosophie rund um den Genuss.