Kochbücher gehören gefühltermaßen zum am schnellsten wachsenden Sachbuch-Genre. Ob nun allenthalben mehr gekocht wird, weil es mehr gedruckte Anleitungen gibt, oder genau umgekehrt mehr Rezeptbücher gedruckt werden weil in unseren Küchen wieder mehr gekocht wird, wollen wir hier nicht beleuchten.
Zur besseren Orientierung innerhalb der Vielzahl von Standardwerken und Neuerscheinungen haben wir bei Gourmantis jedoch ein Kochbuch Magazin ins Leben gerufen, das Kochbücher in Augenschein nimmt und eingehend darstellt. Da ich die Kochbuch Rezensionen nicht selber schreibe, sei mir die Bemerkung erlaubt, dass die ersten wundervoll gelungen sind, und sich die Lektüre wirklich lohnt.
Die scheinbar exponentielle Zunahme der Kochbuch-Neuerscheinungen in Verbindung mit der medialen Präsenz des Kochens bringen ganz offenbar auch einige Irrungen und Wirrungen mit sich. Diese Hypothese leite ich ab von der Beobachtung, dass die normativen Werke in gleichem Maße zunehmen - nur ein "Kochgesetzbuch" (Christian Rach setzt 186 Paragraphen) oder "Das Gericht" (schwarz mit Goldschnitt bei Homarus) können wohl dem Wildwuchs in unseren Küchen Einhalt gebieten.
Wahrscheinlich werden wir uns in nächster Zukunft nach einer "Biblia culinaria" verzehren, Tim Mälzer wird gar 95 Thesen zur besten Sendezeit verlesen. Und wenn das alles wirklich passieren sollte, dann werden Sie das auch bei uns im Kochbuch Magazin lesen.
Einen Vorgeschmack erhalten Sie hier im Kochbuch Magazin.
Als postmoderne Menschen glaubten wir bislang, Ideologien weitestgehend hinter uns gelassen zu haben. Wenn das Wort „Ideologie“ heute benutzt wird, dann wirkt es deplatziert und antiquiert. Wer benutzt es überhaupt noch, abgesehen von Alt- 68ern, die sich in Talkshows süßer Nostalgie hingeben? Es flackerte noch einmal im Glanze der chinesischen Olympiade auf, um dann glühendheiß zu verdampfen- in einem Wok?
Eventuell, denn interessanterweise ist das Politische dorthin zurückgekehrt, wo es ganz privat ist: an den heimischen Herd. Nicht erst seitdem Gesundheitsbeauftragte der Bundesregierung und andere um unser aller Wohl besorgte Muntermacher vor einer Art Verdickung der Deutschen warnten, geht ein Gespenst um… Fett! Und Fett polarisiert, auch wenn Physiker dies bisher nicht nachweisen konnten. Sehen Sie sich unter Ihren Bekannten um, beobachten Sie Passanten, lesen Sie aufmerksam Zeitschriftentitel. Es gibt Fett-Freunde und Fett-Feinde, und solche, die hilflos getrieben zwischen beiden Lagern pendeln. Fast jeder kennt jemanden, der bereits eine Diät gemacht hat. Diese Menschen erkennt man an einem säuerlichen, wehleidigen Gesichtsausdruck und ihrem Vermeidungsverhalten („Du willst dich im Café treffen? Ach, ich würde lieber spazieren gehen…“). Aber was war davor? Die Produkte, die als „Dickmacher“ enttarnt wurden, kennen wir schließlich inzwischen alle. Chips, Fertiggerichten, Tiefkühlpizzen, Softdrinks und Süßigkeiten machen- wenn übermäßig verzehrt- dick. Ananasdiät und Kohlsuppenkochen machen hingegen säuerlich und- ja- ungenießbar. Es fehlt ein dritter Weg, der Fett als lebensnotwendig anerkennt, aber seinen sparsamen Einsatz erklärt- die Neue Mitte sozusagen. Der ADAC Verlag hat sich dieser Sache angenommen und mit „Leicht und Lecker- 250 fettarme Rezepte für die Gesundheit“ ein 319 starkes Kochbuch vorlegt, das Klassiker und Neuheiten im fettarmen Gewand präsentiert. Für den skeptischen Fett-Freund, der diese Zeilen eher missmutig lesen mag: „leicht und lecker“ bedeutet nicht, dass eine Sauce Carbonara aus einem Brühwürfel und Tofuwürfeln besteht oder ein Rindersteak im Wasserbad gegart wird. Vielmehr wird in einer sehr guten Einleitung zunächst zwischen „guten“ (ungesättigten) und „schlechten“ (gesättigten) unterschieden; es werden spezifische Hinweise für den Fettverbrauch gegeben (Alter und Geschlecht spielen hierbei eine nicht geringe Rolle); Tipps zur Vermeidung von Fettfallen lassen einen schließlich entsetzt aufschreien: „Was? Ein Esslöffel geröstete Pinienkerne enthält 10 Gramm Fett?!“ Das Schöne an dieser Einleitung ist aber gerade, dass sie keine Panik schürt, sondern neue, pfiffige Tipps gibt- zum Beispiel Schinken zu pochieren, statt zu braten.
Der Rezeptteil gliedert sich in die Sparten Frühstück und Snacks, Suppen, Vorspeisen und Salate, Fisch und Meeresfrüchte, Wild und Geflügel, Fleischgerichte, Nudeln und Getreide, Gemüse, Desserts, sowie Gebäck. Im Anhang finden sich Menüvorschläge, und das hilfreiches Sach- und Rezeptregister. Die Auflistung zeigt, dass hier trotz fettarmer Prämisse auf nichts verzichtet werden soll- warum auch? Auch fettarm kann die Sauce Carbonara überzeugen- hierzu wird statt Sahne einfach Sojacreme benutzt. Ein Rehauflauf, der mit viel Gemüse wie Möhren, Sellerie, Lauch und Pilzen eine Stunde schmort, bleibt saftig und aromatisch- und dicke Saucen entfallen. Schweinefilet bekommt statt dem faden Kartoffelbrei delikate Bratäpfelchen und Rosmarin zur Seite. Das Besondere an diesem Kochbuch ist sein Bezug zu Klassikern, die leicht variiert werden können- so werden Schweinerouladen jetzt scharf gefüllt, oder Fleischbällchen in Apfelweinsauce aus gerösteten Gewürzen drapiert.
Besonders ansprechend ist auf der anderen Seite die enorme Vielfalt der Gerichte in geographischer Hinsicht- kaum eine Region, die hier nicht vertreten wäre. Wir finden gebackenen Fisch in Zitronen-Tahini (Mittlerer Osten), Rosenkohl endlich mal spannend auf indische Art, mexikanischen Gemüseauflauf, Pizza- und Quichevariationen, Hamburger, und sogar Stubenküken mit Frucht-Gemüse-Füllung (vom Hofe der Maharadschas, wie es malerisch beschrieben wird) und einen rubinroten Borschtsch.
So vielfältig und bunt die Gerichte, so ist auch ihre praktische Umsetzung. Von 5 Minuten Zubereitungszeit für ein Erdbeer-Joghurt-Eis (plus Gefrierzeit), über moderate 10 Minuten für ein gegrilltes Hähnchenfilet mit Balsamessig, bis zu den opulenten 70 Minuten für den Lamm-Kartoffel-Eintopf auf griechische Art sollte hier für jeden Genießer und für jede Gelegenheit das Richtige zu finden sein.
Vegetarier können sich auf eine ganze Reihe abwechslungsreicher Gerichte freuen: Nudeln in Tomatensauce nach katalanischer Art mit frischem Thymian und Safranfäden, oder doch die Pappardelle in Auberginensauce? Optisch verheißungsvoll nehmen sich die schwarzen Spaghetti mit gelber Sauce (aus Paprika) aus. Pizza mal mit Feta und Zwiebeln? Der vegetarische Hamburger?
Kinder werden die Brötchen lieben, die im Mini-Blumentopf gebacken werden. Sie sehen nicht nur niedlich aus, sondern sind mit frischen Kräutern auch noch gesund. Saftiges Bananenbrot kommt auch ohne industriell gefertigte Haselnusscreme aus- und wenn es doch mal Schokolade sein muss, wie wäre es mit einer Schokorolle mit frischer Himbeercreme? Mit 5g Fett pro Stück bleibt diese deutlich moderater als die olle Biskuitrolle aus dem Supermarkt.
Bei allem Raffinement bleiben die Gerichte unkompliziert- im Durchschnitt werden sie in 4 bis 6 Schritten erklärt. Varianten werden praktischerweise direkt darunter angegeben.
Herrliche Abbildungen zu jedem Gericht machen sofort Appetit- die Bildredaktion hat hier ein kleines Arkadien für Genießer geschaffen.
Wenn das Private also wieder politisch wird und wir in dieser umstürzlerischen Zeit unruhig auf Kalorienangaben und Nährwerttabellen schielen- dann lieber in dieses schön gestaltete Buch investieren, das tatsächlich neue Rezepte vorstellt und Klassiker ansprechend interpretiert. Wer das glasierte Lammfilet auftischt, wird jeglicher Ideologie erhaben sein und bald Fett-Freunde und Fett-Feinde zu ausgeglichenen Genießern am heimischen Küchentisch machen.
Das Buch im Kochbuch Versand anschauen.

Michael Vetter ist Gründer des Gourmantis Feinkost-Versand. Im Gourmet Blog schreibt er über persönliche Genusserlebnisse, neue Delikatessen für den Gourmantis Online-Shop und Philosophie rund um den Genuss.